Ein „Navi“ führt Behinderte durch Nürnberg
Tests in acht europäischen Städten — Experten entwickeln mobile Orientierungshilfen — Konferenz im Rathaus
Autor: Andreas Franke
Quelle: Nürnberger Nachrichten 2008/07/03

Mit Hilfe eines Handys und einer Navigationssoftware konnte Rollstuhlfahrer Michael Mertel schnell ein behindertengerechtes Restaurant in der Nürnberger Altstadt finden. Über die Rampe gelang er in den Gastraum. Foto: Stefan Hippel
Ein Navigationssystem ist für viele Autofahrer bereits selbstverständlich. Für Menschen mit Handicap, etwa für Rollstuhlfahrer oder für Blinde, wäre eine mobile Orientierungshilfe sehr wünschenswert. Experten arbeiten derzeit an solchen intelligenten Mobilfunklösungen für Behinderte. Nürnberg spielt dabei eine wichtige Rolle.
Michael Mertel steht um die Mittagszeit vor dem alten Rathaus. Konferenzpause. Er sucht eine Gaststätte in der Nähe des Wolff‘schen Baus. Es sollte ein behindertengerechtes Restaurant sein. Denn Mertel sitzt im Rollstuhl. Er holt ein Handy aus der Tasche, wartet auf die GPS-Ortung und sucht auf dem Altstadtplan im Display nach einer Lokalität. Treffer: 200 Meter entfernt zeigt ihm die Software das Bratwurströslein an. Eine Rampe ermöglicht die Zufahrt, drinnen kann er sich ohne Probleme fortbewegen.
Mertel ist eine von 25 Testpersonen aus Nürnberg. In den vergangenen Wochen waren — und in den nächsten Wochen sind - Mitglieder des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, des Computerclubs 50 Plus und der gemeinnützigen Netscouts gGmbH unterwegs und prüfen eine neue Software für Mobilfunklösungen. Sie sollen Menschen mit Handicap die Orientierung im Alltag (und in fremden Städten) erleichtern.
Hindernisse im Handy
Die Tests finden in Nürnberg (einzige deutsche Stadt) und sieben weiteren europäischen Städten statt. Sie sind Teil des Projekts ASK-IT der Europäischen Union. 54 Organisationen und Firmen aus 13 EU-Ländern sind seit Oktober 2004 beteiligt. In diesem Jahr endet das Projekt Nun trafen sich über 100 Beteiligte zu einer einwöchigen Konferenz in Nürnberg.
Zwei Jahre wurde die Software für Handys oder PDAs entwickelt, sagt
„Über 950 sogenannte Points of Interest sind darin erfasst“,
Das reicht von Hotels über Restaurants und behindertengerechte Toiletten in der Stadt bis hin zu geeigneten Parkplätzen. Daher war es beispielsweise für Michael Mertel auch kein Problem, die Gaststätte zu finden.
„Wir sind seit Beginn auf Gäste mit Handicap eingerichtet“, sagt
Ein Grund übrigens, weshalb die Kongressveranstalter sein Haus als „Kantine“ während der Veranstaltung gebucht hatten.
In der Software sind auch 2200 aktuelle Veranstaltungen des Amts für Kultur und Freizeit für 2008 enthalten. Über das exakte Kartenmaterial des Amts für Geoinformation und Bodenordnung sind laut Ringler sogar Bordsteine mit abgebildet
„Eine wichtige Info für Rollstuhlfahrer“,
Er ist bei der Firma Netscouts beschäftigt, die auch die Datenbank von „Mobil in Nürnberg“ pflegt. Auf seiner Testroute ist er vom Wirtschaftsrathaus bis zum Albrecht-Dürer-Haus gefahren.
„Hilfreich ist gerade das Kartenmaterial für uns“, betont er.
Wer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen will, kann auch die Daten des VGN auf seinem Handy oder Handcomputer aufrufen.
Nach den Tests, so Mathias Ringler, wird nun die Software noch einmal verbessert, Erfahrungen mit einprogrammiert. Ideales Ziel des Projekts wäre es dann, die Erfahrungen aus allen acht Städten auszuwerten und mit kommerziellen Anbietern ein europaweites Angebot einzurichten.
Infos über Lautsprecher
So kann beispielsweise auch Toine Motenschot wichtige Informationen beisteuern. Er betreut das Projekt in der niederländischen Stadt Den Haag. Hier entwickelten die Experten eine Navigationshilfe für Blinde. Auf gut 800 Metern vom Hauptbahnhof bis zum Parlament sind im Boden Rillenmatten eingelassen, so wie sie etwa an Bahnhöfen den Blinden mit ihren Stöcken als Orientierung dienen. Darin sind Sender eingelassen, die mit Sendern in den wichtigsten Gebäuden an der Route kommunizieren.
Kommt ein Blinder an eine interessante Stelle, loggt sich automatisch ein Mobilgerät in das System ein und liefert über einen kleinen Lautsprecher die wichtigen Informationen.
„Die Rückmeldung der 18 Testpersonen ist sehr positiv, sie loben die gute Unterstützung“, sagt
„
Nach Abschluss des EU-Projekts stellt sich die Frage, ob sich private Partner finden werden. Denn die wollen Geld damit verdienen“, sagt ein Insider.
Leichter umsetzen ließe sich eine flächendeckende Verbreitung, wenn die Politik dies EU-weit vorschreibe. Doch davon sei man, trotz guter Ergebnisse. noch weit entfernt.






