Kultur ohne Hürden
Rollstuhlfahrer testen die städtischen Museen
Von Silke Roennefahrt
Kulturgenuss im Rollstuhl? Für Behinderte wird oft schon der Weg zum
Ziel zum Stolperstein. Spontane Ausflüge seien kaum möglich, klagen
Betroffene. Ein Gruppe Behinderter wagt jetzt den Praxistest in
städtischen Museen – und besuchte zum Auftakt das Stadtmuseum
Fembohaus.
Eine Drehtür am Eingang scheint schon die erste Hürde zu sein.
Unmöglich, sie mit Rollstuhl zu passieren, doch das ist auch gar nicht
nötig: Ein paar Meter weiter findet sich eine weitere Tür – und durch
die führt der Weg über eine Rampe ganz bequem ins Innere des Hauses.
Wer das Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert von außen bewundert, der
ahnt nicht, dass gerade dieses historische Gebäude für Gehbehinderte so
bequem zu erkunden ist. Doch als das Haus vor gut zehn Jahren umgebaut
wurde, dachten die Planer auch an Menschen mit Handicap. Ein Aufzug,
der ebenerdige Zugang auch in den Hof und Rampen gehören seitdem zur
Ausstattung – und werden sehr gut angenommen, wie Mitarbeiterin Renate
Spengler betont. „Wir haben viele Stammgäste, die auf den Rollstuhl
angewiesen sind.”
„Total begeistert”
Mit dem Fahrstuhl gelangen auch die Besucher aus Burgthann bequem in
die vierte Etage, wo der Rundgang beginnt. Die Mitglieder der Gruppe
„Gelegenheit“, ein Treff für Kranke und Gesunde, loben ausdrücklich die
behindertengerechte Ausstattung des Hauses. „Ich bin total begeistert”,
sagt Angelika Feisthammel. Allenfalls ein paar niedrige Schwellen
zwischen den einzelnen Räumen stören aus ihrer Sicht ein wenig. „Aber
da kommen wir ja locker drüber.” Die 49-Jährige ist von Geburt an auf
den Rollstuhl angewiesen. So positiv urteilt sie nicht allzu oft, denn
in Sachen Barrierefreiheit im öffentlichen Raum gibt es aus ihrer Sicht
noch viel Nachholbedarf. „Spontane Ausflüge sind kaum drin, ich mache
mich immer vorher schlau.” Vor für sie verschlossenen Türen zu stehen,
das ist eine Erfahrung, die sich die Behindertenbeauftragte für das
Nürnberger Land möglichst ersparen möchte.
Zu schmale Türen und hohe Bordsteinkanten sind häufige Hürden für die
Betroffenen. Vor allem aber stört sie das Kopfsteinpflaster. Der
unebene Belag sei einfach furchtbar, betont Ursula Rassow-Walz, die
seit zwei Jahren krankheitsbedingt im Rollstuhl sitzt. „Nach einer
Viertelstunde kann ich nicht mehr.”
Ein glatterer Untergrund wäre auch für Eltern mit Kinderwagen oder
Liebhaberinnen von Stöckelschuhen eine Erleichterung, glaubt die
54-Jährige. „Eine schmale Spur am Rand würde ja schon reichen.” Der
Ausflug ins Fembohaus sei auch deshalb so angenehm, „weil wir mit dem
Auto bis vor die Tür gebracht wurden”. Denn derzeit ärgern sich die
Rollstuhlfahrerinnen auch über den öffentlichen Nahverkehr. „Wir warten
händeringend auf die neuen S-Bahnen“, sagt Feisthammel. „In die alten
Wägen können wir überhaupt nicht rein.”
Das ist beim Fembohaus anders. Weitere Museen will Stadtführerin Helga
Nagel vom Verein „Die Gästeführer” mit der Gruppe demnächst unter die
Lupe nehmen. Sie tut dies ehrenamtlich – in der Hoffnung, bald noch
mehr gute Noten in Sachen Barrierefreiheit vergeben zu können.
ZUR SACHE:
Oft steckt der Alltag Behinderter noch voller Stolpersteine, doch es gibt auch etliche Einrichtungen mit barrierefreiem Zugang. Verschiedene Internetseiten helfen bei der Vorabinformation:
Unter www.mobil-in-nuernberg.de gibt ein Stadtwegweiser Auskunft darüber, ob öffentliche Gebäude, Dienstleistungsbetriebe und Sehenswürdigkeiten auch für Menschen mit Geh-, Seh- oder Hörbehinderung zugänglich sind. Die Daten sammelte das gemeinnützige Unternehmen Netscouts im Auftrag der Stadt. Von den Online-Nutzern selbst wird die Plattform www.wheelmap.org gepflegt. Rote, gelbe und grüne Symbole vergeben Noten in Sachen Barrierefreiheit auch an Geschäfte. Unter www.tourismus.nuernberg.de findet sich eine Liste barrierefreier Restaurants. Der Verein „Die Gästeführer“ bietet Führungen für Geh-, Seh- und Hörbehinderte an, www.nuernberg-tours.de
Viele Informationen zum Thema liefert auch der Verein für Menschen mit Körperbehinderung unter www.behinderte-nuernberg.de
Quelle: Nürnberger Nachrichten vom 27. Oktober 2011
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