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Ein Sensor am Körper misst im Notfall den Puls

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Die Diakonie, das Fraunhofer und viele Firmen arbeiten an intelligenter Kleidung

Von Anja Kummerow

ERLANGEN  - Der Bereich "Gesundheit" gehört zu den großen Arbeitgebern in der Region: In 500 ausschließlich oder teilweise in der Medizintechnik aktiven Unternehmen arbeiten etwa 45000 Mitarbeiter. Rechnet man die medizinische Versorgung und die Forschung mit ein, verdienen sogar rund 70000 Menschen im Großraum Nürnberg ihr Geld in der Gesundheitsbranche.

In einer Serie stellt die NZ das Spektrum der Medizintechnik in der Region vor. Heute geht es um „Barrierefreie Gesundheitsassistenz” – ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem unter anderem die Diakonie Neuendettelsau und das Fraunhofer-Institut eng zusammenarbeiten. 

Die Taschen sind schwer. Fünf Stockwerke muss Gertrud Eisenstein mit ihnen überwinden. Als sie oben angekommen ist, rast ihr Puls, der Atem geht schwer. Die 78-Jährige hat die Tür zur Wohnung noch nicht aufgeschlossen, als aus ihrer Armbanduhr eine Stimme ertönt: „Frau Eisenstein? Können Sie mich hören? Ist alles in Ordnung bei Ihnen?”

Sensoren in ihrem Unterhemd messen Puls und Atmung, die Daten werden an eine zentrale Datenerfassungsstelle übermittelt. Als der Computer Unregelmäßigkeiten ausmacht, wird eine Call-Center-Mitarbeiterin informiert, die nun Kontakt zu Frau Eisenstein aufnimmt. Damit die alte Dame nicht erst umständlich in ihrer Handtasche nach einem Mobilfunkgerät kramen muss, trägt sie alles direkt am Arm – in Gestalt einer Uhr, mit der sowohl kommuniziert werden wie auch ein Notruf abgesetzt werden kann. Nach einem kurzen Gespräch mit Gertrud Eisenstein weiß die Call-Center-Mitarbeiterin, dass kein Notarzt zu der alten Dame geschickt werden muss.

Gertrud Eisenstein ist fiktiv. Doch schon in wenigen Jahren soll dieses Szenario Realität sein. Daran forschen und entwickeln in Bayern derzeit rund 20 Unternehmen und Institutionen, darunter Siemens, Infineon, Ericsson, Netscouts, Starringer, Cor-science, Bijo-Data, das Bayerische Rote Kreuz oder die Uni Erlangen. Dafür stehen ihnen 20 Millionen Euro zur Verfügung – die Hälfte der gesamten Mittel des Spitzenclusters für Medizintechnik. Das Geld stammt zu jeweils 50 Prozent aus Fördermitteln des Freistaates und aus Mitteln der Industrie.

Insgesamt sechs Projekte beschäftigen sich mit den verschiedenen Stufen der telemedizinischen Betreuung. „Barrierefreie Gesundheitsassistenz“ ist der Name des Leitprojektes, Smart Sensors A bis E heißen die anderen fünf. Wenn Forschung und Entwicklung in fünf Jahren abgeschlossen sind, soll ein System zur Verfügung stehen, das es älteren Menschen mit körperlichen Einschränkungen ermöglicht, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen – und dennoch jederzeit auf Hilfe und Unterstützung zurückgreifen zu können.

Eine Hauptanwendung von „Smart Sensors“ soll die Unterstützung bei der Pflege von Menschen mit fortgeschrittener Demenz sein. „Menschen mit dieser Krankheit erinnern sich oft besser an früher als an heute. Sie zieht es oft in eine Umgebung, in der sie sich wohl fühlen – ihr Zuhause. Aber es ist eben meist das Zuhause von früher, in das es sie zieht – und dann laufen sie einfach los und verlaufen sich“, erklärt Nadine Pensky, Projektmanagerin der Diakonie Neuendettelsau, eines der Probleme bei der Betreuung von Demenzkranken. Die Diakonie ist einer der Partner des Leitprojektes. Anders als die anderen drei Beteiligten – Fraunhofer Institut IIS sowie die Firmen Heitec und Nash Technologies – ist die Diakonie dafür zuständig, das Projekt auf seine Praxistauglichkeit zu testen. „Gerade für diese Generation der älteren Menschen, die den Umgang mit der modernen Technik nicht gewöhnt sind, muss das System einfach und verständlich sein.“

Beim Fraunhofer setzt man deshalb schon weit vorher an: „Wir wollen ein System entwickeln, das mit den Menschen mitwächst“, erklärt Christian Weigand, Abteilungsleiter beim Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen. So könnte die Technologie schon lange vor dem Auftreten einer Krankheit eingesetzt werden, etwa bei Sportlern. Und sie soll mit Komponenten anderer Hersteller kompatibel sein. Denn schon seit Jahren arbeiten zahlreiche Bekleidungs- und Elektronikhersteller daran, Shirts, Jacken und Hosen mit zahlreichen Zusatzfunktionen wie Sensoren oder Mikrocomputern auszustatten, die möglichst nicht sichtbar sein sollen. „Intelligent“ wird diese Kleidung genannt, auch I-Wear oder Smart Clothes.

„Unser Projekt ist umfassender als alle bisherigen. Es unterscheidet sich unter anderem wesentlich darin, dass wir die künftige Klientel und deren Angehörige in die Entwicklung bereits mit einbeziehen“, beschreibt Weigand das Novum. So werden die Diakonie-Bewohner befragt, wie ein solches Gerät aussehen sollte, das sie später am Handgelenk tragen müssen. Vorzugsweise wie eine Uhr, damit es nicht gleich als Hilfsgerät zu identifizieren ist, hat eine erste Befragung ergeben. Für die Herren darf es dabei gern auch etwas protzig sein. Das von den Damen bevorzugte Design ist noch zu ermitteln.

Das gilt auch für die Shirts und Hemden, in die die verschiedenen Sensoren vernäht werden. „Erste Tests haben ergeben, dass bei Menschen, die möglicherweise auf schnelle Hilfe angewiesen sind, Optik keine so große Rolle spielt“, so Pensky. Bislang gibt es Shirts für verschiedene Zwecke: welche, die nahe am Oberkörper liegen und Puls oder Atemfrequenz ermitteln. Andere Sensoren sollen mit kleinen Mikrowellen etwa den Blutzucker messen können. Sensoren in den Ärmeln können aber auch Bewegungen übermitteln. „Die Art der Bewegung lässt Rückschlüsse zu, wie und wo die jeweilige Person unterwegs ist“, erklärt Pensky. Wird keine Bewegung übermittelt – es sei denn, die Zeit spricht für Nachtruhe – soll das Know-how des Projekts Smart Sensors D in Anspruch genommen werden: Der Aufenthaltsort einer Person soll im Notfall via GPS und Mobilfunk, in weitläufigen Gebäuden wie Bahnhöfen oder Hochhäusern auch per Bluetooth oder WLAN übermittelt werden können.

Das letzte Glied in der Kette wird die Zentrale sein, in der die Vielzahl der Daten zusammenlaufen und ausgewertet werden. Davon könnte es eine einzige für ganz Deutschland geben oder auch eine für jedes Ballungsgebiet. Eine von vielen offenen Fragen, mit denen sich die Projektpartner noch intensiv beschäftigen.

Aber auch damit, was ein Call-Center-Mitarbeiter wissen darf und was ethisch vertretbar ist. Die am Ende alles entscheidenden Frage ist jedoch: Wie kann mit dem System Geld verdient werden? „Mit einer möglichst breiten Anwendung“, sagt Pensky. So könnte das System beispielsweise im Notfall dabei helfen, Leon Eisenstein zu finden – den sechsjährigen Enkel von Gertrud –, der sich beim Verstecken-spielen wieder einmal verirrt hat. 


Quelle: Nürnberger Zeitung vom 29.04.2011

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