Stolperfallen und Hindernissen auf der Spur
90 Minuten bei der Recherche für den Behinderten-Wegweiser "Mobil in Nürnberg"
Von Clara Grau
Nürnberg - Seit Januar gibt es den Online-Wegweiser "Mobil in Nürnberg". Am Rechner zu Hause oder auf einem internetfähigen Mobiltelefon kann jeder nachsehen, ob öffentliche Gebäude, Dienstleistungsbetriebe und Sehenswürdigkeiten auch für Menschen mit Geh-, Seh- oder Hörbehinderung zugänglich sind. Nürnbergplus hat zwei Mitarbeiter der Integrations-Firma Netscouts begleitet, die die Daten vor Ort erheben und dann in das Angebot einpflegen.
Unter
großer
internationaler Aufmerksamkeit wurde im November 2010 das Memorium
Nürnberger Prozesse eröffnet. Besucher aus aller Welt
können sich
seitdem in einer Ausstellung darüber informieren, wie und
warum in
den Jahren 1945/46 ein Internationaler Militärgerichtshof im
Schwurgerichtssaal 600 hochrangige Funktionäre des NS-Regimes
verurteilte.
Aber ist dieses neue Angebot auch für Menschen
mit Behinderungen zugänglich? Das überprüfen
an diesem Apriltag
Gerd Sirotek und Kurt Pogoda von Netscouts. Der IT-Dienstleister, der
Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt, erstellt im
Auftrag
der Stadt Nürnberg einen digitalen Wegweiser durch
öffentliche
Einrichtungen.
Der Zugang von der Bärenschanzstraße zur
Eingangstüre des Memoriums ist unproblematisch. Das sehen Kurt
Pogoda und Gerd Sirotek schon auf den ersten Blick: Der Gehsteig vor
dem Gelände ist abgeflacht und statt Stufen führt
eine sanft
geneigte Rampe zum Eingang. Schwieriger könnte sich
für
Gehbehinderte zuvor jedoch die Parkplatzsuche gestalten: Der
Justizparkplatz ist an diesem Tag bis auf den letzten Platz
gefüllt
und in den Straßen in der Umgebung sind die
Parkflächen für
Anwohner reserviert. „Wir werden bei der Verwaltung anregen,
einen
Behindertenparkplatz auszuweisen“, meint Gerd Sirotek, der
die
Netscouts ehrenamtlich unterstützt. Ganz wichtig für
Gehbehinderte
sei, dass auf dem Weg vom Auto zum Ziel keine hohen Bordsteine zu
überwinden sind.
Nun nehmen Gerd Sirotek und Kurt Pogoda die
Eingangstüre genauer unter die Lupe: Die schwere
Holztüre ist zwar
unverschlossen, lässt sich aber nur mit Kraftaufwand
öffnen. Pogoda
setzt seinen elektronischen Entfernungsmesser am Türrahmen an.
„Einen Meter drei Zentimeter“, diktiert er seinem
Kollegen, der
die Erhebungsbögen ausfüllt. Generell sei das breit
genug für
einen Rollstuhlfahrer.
Zur Not helfen die
Memoriumsmitarbeiter, die freundlich die Fragen nach den
Behindertentoiletten beantworten: „Mit dem Aufzug in den
zweiten
Stock bitte.“
Der Aufzug ist nagelneu und sehr geräumig:
Kurt Pogoda vermisst mit seinem Messgerät
Türöffnung, Innenraum
und die Höhe der Schalter. Gerd Sirotek schreibt alles
zentimetergenau auf. Er hat einen behinderten Sohn und weiß
um die
Nöte und Wünsche von Menschen mit Handicap. Trotz des
ersten guten
Eindrucks haben die beiden einen Kritikpunkt: Es fehlt eine
Sprachführung, die Sehbehinderte zum Beispiel über
das angesteuerte
Stockwerk informiert.
Im Dachgeschoss machen sich die beiden
auf die Suche nach den Toiletten. Die Ausschilderung ist mager, erst
bei einem Rundgang durch die Ausstellung entdecken die
Netscout-Mitarbeiter die Sanitäranlagen. Um dort hinzukommen,
müssen
Nutzer eine etwa fünf Meter lange und nach Erfahrung von Kurt
Pogoda
relativ steile Rampe überwinden. Der Netscouts-Mitarbeiter
lebt mit
einer für Außenstehende kaum wahrnehmbaren
Gehbehinderung und ist
in der Regel alle zwei Wochen für das Internetangebot im
Außendienst
unterwegs.
Das Raumangebot reicht zum Rangieren
Mit dem Messgerät prüfen
Kurt Pogoda und Gerd Sirotek
nun die Behindertentoilette sehr detailiert: Haltegriffe, eine
Notglocke und ein unterfahrbarer Waschtisch sind vorhanden. Zum
Rangieren mit einem Rollstuhl reicht das Raumangebot ebenfalls.
Trotzdem nehmen die sie die exakten Höhen von Toilettensitz,
Waschbecken und Schaltern in ihren Erhebungsbogen auf. Für
manche
Nutzer seien diese Informationen wichtig, so die beiden
Männer.
In
den Büros von Netscouts speisen Kurt Pogoda und seine Kollegen
anschließend alle Daten in ein Computerprogramm ein. Dieses
errechnet dann, ob eine Einrichtung für Behinderte
zugänglich ist.
Anhand von Symbolen ist dies für die Nutzer auf einen Blick
erkennbar. Daneben gibt es genauere Objektbeschreibungen und viele
Informationen, etwa Öffnungszeiten, zu den Einrichtungen.
„Vorteil
dieses digitalen Wegweisers gegenüber einer Broschüre
ist, dass wir
die Informationen jederzeit aktualisieren können“,
sagt Kurt
Pogoda.
www.mobil-in-nuernberg.de
Quelle: Nürnberger Zeitung vom 9. April 2011







